Der Einfluss Immanuel Kants auf die Idee globalen Handelns ist eine wesentliche Grundlage für die heutige politische Philosophie (John Rawls) – insbesondere in Zeiten wachsender weltweiter Vernetzung. Die gegenwärtigen politischen Philosophen haben sich hingegen fast immer auf das innerstaatliche Problem der Gerechtigkeit konzentriert. Erst in den letzten zwanzig Jahren hat sich diese Problematik zu einem globalen Phänomen ausgeweitet, und die Themenvielfalt hat sich stark erweitert. Dieses wachsende Interesse an Fragen der globalen Gerechtigkeit geht mit einem zunehmenden Interesse an der Bedeutung und dem Wert des Nationalismus einher.

Es verfolgt aktuelle Ereignisse wie nationalistische Auseinandersetzungen und verstärkte Forderungen nach nationaler Selbstbestimmung. In diesem Bereich haben sich die Theoretiker der globalen Gerechtigkeit mit einer Reihe wichtiger Fragen befasst, wie zum Beispiel: Unter welchen Bedingungen sollte dem Anspruch auf nationale Selbstbestimmung ein größeres Gewicht eingeräumt werden? Wann sollte Selbstbestimmung zum Schutz der Menschenrechte beitragen? Sind Verpflichtungen zu Nationalismus und globaler Gerechtigkeit auf realistische Weise miteinander vereinbar?

Wenn im globalen Bereich eine „realistische Utopie“ möglich sein soll, müssen einige Fragen diskutiert werden: Welche Prinzipien sollten internationales Handeln leiten? Welche Verantwortung haben wir gegenüber den Armen weltweit? Sollte globale Ungleichheit als moralisch bedrohlich bewertet werden? Gibt es Arten von nicht-liberalen Menschen, die toleriert werden sollten? Welche Außenpolitik stimmt mit liberalen Werten überein? Wie können wir effektiv in eine weniger ungerechte Welt übergehen? Ist eine „realistische Utopie“ auf globaler Ebene möglich oder müssen andere Fortschrittskonzepte (sozialer Fortschritt, wirtschaftlicher Fortschritt, Fortschritt der Menschheit) in Betracht gezogen werden? Oder ist „Fortschritt“ nur ein emotional ansprechendes Narrativ?

Auf der Konferenz „Gerechtigkeit und Fortschritt“ (Shanghai / Fudan University, 25.-26. März 2019) wurden die zeitgenössischen Kontroversen um die liberale Ordnung aus vergleichender Perspektive analysiert, um die Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge als ein globales utopisches Problem in der Beziehung zwischen Ost und West zu verstehen.