Das Thema der Wandlung ist in vieler Hinsicht prominent in der chinesischen Philosophie. Das Buch der Wandlungen, ein wichtiges Dokument für das Weltbild der frühen chinesischen Zivilisation, zeigt eine Welt in steter Veränderung: Alles, das entsteht, muss auch wieder vergehen, und der Mensch tut gut daran, die den Wan-del bewirkenden Kräfte und die ihnen zugrundliegenden Gesetze zu kennen.

Konfuzianische Texte wie die Lehrgespräche (Lunyu) und das Buch Mengzi, daoistische Texte wie Laozi und Zhuangzi, aber auch die Texte der Legalisten und Militärklassiker beschreiben mit großer Sorgfalt, wie Konzeptionen des gelingenden Handelns immer die Kenntnis einer im Fluss befindlichen Welt einschließen müssen. In der sinologischen Forschung (etwa bei A. C. Graham, François Jullien und Roger Ames) ist das klassische chinesische Denken dann auch oft als prozesshaft, holistisch und dynamisch charakterisiert worden. Mit dem Eindringen buddhistischer Lehren nach China (ab dem zweiten Jhdt. n. Chr.) wurde außerdem die Vorstellung, dass Menschen in einer Welt von Objekten mit festen Identitäten leben, radikal in Zweifel gezogen. Im Denken des indischen Philosophen Nāgārjuna (zweites Jhdt. n. Chr.), der entscheidende Impulse für die weitere Geschichte des Buddhismus in Ostasien geliefert hat, werden Selbst und Welt als letztlich illusorisch beschrieben.

Als chinesische Intellektuelle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal vertieft europäische Wissensordnungen rezipierten, suchten sie oft ihr ei-genes Weltbild durch die Aneignung des fremden neu zu artikulieren. Das Thema der Wandlung, wenngleich neu konfiguriert, blieb auch im 20. Jahrhundert wichtig. Schon Yan Fu (1854-1921), der Übersetzer von Theorieklassikern wie Adam Smith, John Stuart Mill und Herbert Spencer, hatte immer wieder bewusst auf die Sprache des Buchs der Wandlungen zurückgegriffen; und Zhang Taiyan (1868-1936) und Xiong Shili (1885-1968) grenzten sich mithilfe von Neudeutungen des Buddhismus von dem szientistischen Weltbild ihrer Zeit ab. Nicht zuletzt versuchen sich in der Gegenwart Theoretiker wie Tu Weiming, Wang Hui, Zhao Tingyang oder Yuk Hui an einer Reaktualisierung chinesischer Wandlungskonzeptionen.

Auf unserer Tagung möchten wir das Thema der Wandlung kritisch – und hoffentlich auf der Höhe der Zeit – neu ausleuchten. Gibt es überhaupt ein Globalphänomen „Wandel“ angesichts der Tatsache, dass sich immer etwas wandelt und dies in sehr unterschiedlichen Kontexten (technologischer, politischer, sozialer, usw. Wandel)? Wie unterscheidet sich die Zeitlichkeit von Wandlungsprozessen von alternativen linearen oder zirkulären Zeitkonzeptionen? Wie präzise lassen sich spezifische Wandlungsprozesse theoretisch einkreisen? Wann sprechen wir von einer Wandlung im Unterscheid etwa zu einer Veränderung, einem Entwicklungssprung, usw.? Welche Ursachen liegen welchen Wandlungsprozessen zugrunde? Und hat Wandel eine normative Dimension, d.h. ist Wandel immer eine Veränderung zum Guten? Kann Wandel selbst zur Grundlage von Kritik etwa im sozialen, politischen und moralischen Kontext werden, indem die Kategorie hilft, Anomalien und Pathologien besser zu identifizieren und ggf. zu therapieren? Welche Funktion erfüllt die Hybridisierung des westlichen Philosophievokabulars in chinesischsprachigen Diskursen? Welche Bedeutung wird dabei den Natur- und Sozialwissenschaften zugeschrieben? Wie gehen chinesische Denker mit den Phänomenen von Traditionsbruch und Säkularisierung um? Und wie sähe eine Theorie der Wandlung aus, die im Zeitalter der Globalisierung sowohl eurozentrische Verengungen als auch sinozentrische Hypertraditionalismen vermeiden kann?

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