Das Deutsch-Chinesische Alumnifachnetz für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) widmet sich dem intensiven fachlichen Austausch beider Länder in Klinik, Lehre, Forschung und Gesundheitswesen auf dem Gebiet der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Dies bedeutet u.a., dass regelmäßige Treffen und Trainingsworkshops für deutsche China-Alumni und chinesische Deutschland-Alumni sowie (Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in beiden Ländern angeboten werden. Auf diese Weise sollen gemeinsame Klinikprojekte entwickelt und der in China bisher vernachlässigte Fachbereich der Psychosomatischen Medizin an chinesischen (Lehr-)Kliniken etabliert werden. Gleichzeitig soll der fachliche Austausch dazu beitragen, die China-Kompetenz unter deutschen Expertinnen und Experten zu erhöhen, denn die Fähigkeit mit kultureller Vielfalt umzugehen ist eine Schlüsselkompetenz in der heutigen globalisierten Welt.

Hintergrund ist das steigende Engagement, das Deutschland im Bereich der globalen Gesundheit seit 2013 zeigt. Lutz Stroppe, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, kündigte im vergangenen Jahr eine neue Strategie zur „Globalen Gesundheit“ an. Deutschland wolle mit anderen internationalen Partnern einen wichtigen Beitrag leisten, „um die globalen Gesundheitsherausforderungen zu bewältigen“. Warum aber ausgerechnet ein Deutsch-Chinesisches Fachnetz für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie?

Drei Krankheiten werden in den nächsten Jahren weltweit den größten Teil der Krankheitslast (burden of disease) ausmachen: HIV-AIDS, depressive Störungen und koronare Herzerkrankungen. Das hat eine Hochrechnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für das Jahr 2030 ergeben [1]. Hinzu kommen folgende sieben psychische Störungen: Depression, Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie, Angststörungen, manisch-depressive Störungen, chronisch depressive Verstimmungen, und Drogenabhängigkeit.  Sie zählen zu den 20 häufigsten Ursachen für Jahre mit starker Beeinträchtigung des normalen, beschwerdefreien Lebens durch eine Krankheit (years lived with disability). Diese psychischen Störungen können auch Auslöser psychosomatischer Wechselwirkungen sein: Sie begünstigen beispielsweise die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen. Ebenso können einschneidende körperliche Erkrankungen ihrerseits zu psychischen und psychosomatischen Problemen führen, die auch die Bewältigung der körperlichen Erkrankung erschweren können.

China ist ein Land, das sich in besonderem Maße den Herausforderungen verhaltensbedingter Krankheiten ausgesetzt sieht. Im Zuge seines rasanten gesellschaftlichen Wandels erlebt China derzeit einen massiven Anstieg an psychischen und psychosomatischen Störungen. In den letzten Jahren ist dort das Bewusstsein über die Bedeutung psychischer und psychosomatischer Störungen stark gewachsen. Die Verabschiedung eines „Mental Health Law“ im November 2012 unterstreicht die Bedeutung, die die chinesische Regierung mittlerweile der Behandlung von psychischen und psychosomatischen Störungen beimisst. Dass Handlungsbedarf besteht, belegen die Zahlen: Etwa 173 Millionen Menschen sind in China behandlungsbedürftig im Sinne einer Psychotherapie, aber 158 Millionen (92%) von ihnen bleiben unbehandelt [2]. Laut Länderbericht der WHO lag der Betreuungsschlüssel für die psychiatrische Versorgung im Jahre 2010 bei 1,53 Psychiaterinnen und Psychiatern pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, mit einem starken Stadt-Land-Gefälle [3].

Deutschland dagegen verfügt über eine lange Tradition in Psychosomatischer Medizin und Psychotherapie. Es wurden ausgereifte Modelle und Techniken für die Behandlung psychosomatischer und psychischer Erkrankungen entwickelt. Gleichzeitig hat sich Deutschland im Bereich der globalen Gesundheit seit 2013 stark engagiert und international Verantwortung übernommen.

Dies ist der Hintergrund, vor dem die Expertinnen und Experten des Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerks für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen zum Aufbau eines modernen Mental Health-Gesundheitssystems in China beitragen wollen. Sie möchten mit ihrem Know-how einen Beitrag zur globalen Gesundheit leisten.

Zu ihren konkreten Zielen gehören die Aus- und Weiterbildung von Fachärztinnen und -ärzten für die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie der Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die Unterstützung beim Aufbau von Versorgungsstrukturen im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich sowie die gemeinsame Arbeit an Forschungsprojekten zur Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen bei psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen. Das Alumni-Netzwerk trägt dazu bei, dass deutsche Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler in die Entwicklung deutsch-chinesischer Klinikprojekte eingebunden werden. Es unterstützt die Entwicklung neuer Berufsfelder und den Aufbau von Strukturen im Gesundheitswesen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Einbeziehung deutscher und chinesischer Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler. Sie nehmen an intensiven Trainingskursen teil, führen gemeinsame Studien durch und forschen im Ausland. Es werden auch Praktika für Studierende der Fächer Psychologie und Medizin in Psychosomatischen Abteilungen chinesischer Krankenhäuser ermöglicht. Lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Einblicke in die Psychosomatische Medizin in China“ (pdf, 265,98 KB).

In diesem Zusammenhang bieten die Expertinnen und Experten des DCAPP-Netzwerks am 19. November 2019 in Peking das 2. Forum „Das Phänomen Stress im interkulturellen Kontext: Deutschland-China“ für deutsche Studierende, wissenschaftlich Tätige sowie deren chinesische Partner an, um kulturelle Sensibilität und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Interessierte sind herzlich eingeladen, an dieser Veranstaltung am Peking Union Medical College teilzunehmen.

[1] Mathers, C. D., & Loncar, D. (2006). Projections of global mortality and burden of disease from 2002 to 2030. PLoS medicine, 3(11), e442.
[2] Phillips MR: Prevalence, treatment, and associated disability of mental disorders in four provinces in China during 2001-2005: an epidemiological survey. Lancet 2009;373:2041-2053.
[3] Cyranoski D: China tackles surge in mental illness. Nature 2010;468:145.

Lesen Sie den Erfahrungsbericht zweier deutscher Nachwuchswissenschaftlerinnen in China

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