Das deutsch-chinesische Alumnifachnetz für Neurowissenschaften oder auch Sino-German Neuroscience Network (SGN²) an der Philipps-Universität Marburg hat das Ziel, etablierte Verbindungen zwischen neurowissenschaftlichen Forschungsgruppen und Instituten in China und Deutschland zu stärken und das Innovationspotential beider Nationen optimal zu nutzen. Dazu bringt es Forschende, Forschungsinstitute, Universitäten und Hochschulen beider Länder und deren Alumni sowie Wirtschaftsunternehmen und andere Stakeholder zusammen, um gemeinsame Forschungsprojekte zu identifizieren und die Vernetzung hochqualifizierter Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler voranzutreiben.

Zu den Angeboten des Netzwerks zählen auch Methodenschulungen in Deutschland und China. Sie erleichtern es den (Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die am Partnerstandort etablierten Methoden und technischen Besonderheiten kennenzulernen. Gleichzeitig fördert der Besuch einer Klinik des Gastlandes die intensive Zusammenarbeit und interkulturelle Kompetenz innerhalb der kooperierenden Teams.

Dr. Yifei He von Universität Mainz und Jiaojiao Hou von der Tongji Universität Shanghai haben als Nachwuchswissenschaftler bzw. Nachwuchswissenschaftlerin an einer solchen Methodenschulung im jeweiligen Gastland teilgenommen. Welche Erfahrungen sie dabei gemacht haben, möchten wir Ihnen vorstellen.

Lesen Sie das Interview mit Dr. Yifei He

Dr. Yifei He, nach Erwerb Ihres Bachelor of Arts im Fach English Linguistics and Literature an der Renmin University of China sind Sie nach Deutschland gegangen und haben einen Master in Clinical Linguistics an der Universität Potsdam erworben. Danach haben Sie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Fachbereich Linguistics promoviert. Seit 2016 sind Sie als Postdoc an der Philipps-Universität Marburg an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie tätig. Im November 2018 nahmen Sie an einem von der chinesischen Exzellenzuniversität Harbin Institute of Technology veranstalteten interdisziplinären Workshop “Cognitive Neuroscience in Social Interaction and Behavior” teil und erhielten Ihrerseits die Gelegenheit, ein Gast-Tutorial zum Thema “Advanced Analysis of EEG Signal” für Studierende anzubieten.

Können Sie den interessierten Laien unter uns kurz den fachlichen Hintergrund der Methodenschulung erklären?

Es ging um eine der am weitest verbreiteten Methoden der neurowissenschaftlichen Erforschung menschlichen Verhaltens: die Elektroenzephalografie (EEG). Im Vergleich zur funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) ist die EEG kostengünstig und einfach in der Anwendung. Vor allem aber kann sie Gehirnaktivität ohne zeitliche Verzögerung messen. Daher ist sie nicht nur die einzig sinnvolle Methode, zugrundeliegende Gehirnmechanismen bestimmter menschlicher Verhaltensweisen zu erforschen, sondern auch das einzig sinnvolle Instrument für die Anwendung sog. Brain-Computer-Interfaces (BCI), d.h. der Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer.

Inwiefern unterscheidet sich die Methodenschulung in China von der in Marburg?

Die Teilnehmenden des Workshops am Harbin Institute of Technology (HIT) sind hauptsächlich Master- und Bachelor-Studierende an der School of Management und der School of Foreign Languages. Die meisten von ihnen haben zwar Erfahrung im Umgang mit Verhaltensmethoden zur Erforschung von sozialen und sprachlichen Funktionen. Weil beide Departments aber erst seit Kurzem mit EEG arbeiten, sind ihre Kapazitäten und Expertise im Umgang mit experimentellen Aspekten der EEG (Design und Analyse) noch relativ begrenzt. Trotz des Booms in der Forschung verfügt China im Bereich der kognitiven Neurowissenschaften noch nicht über genügend exzellente Forschungsinstitutionen von internationalem Rang. Daher lag der Schwerpunkt des Workshops darin, grundlegende Kenntnisse auf dem Gebiet der etablierten und sich entwickelnden EEG Datenanalyse und im Bereich der Open Science Source zu vermitteln.

Worin lag der Nutzen Ihrer Teilnahme an dieser Methodenschulung?

Für mich lag der größte Nutzen darin, den Standpunkt der chinesischen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler besser nachvollziehen, unsere unterschiedlichen Forschungsansätze vergleichen und uns gegenseitig interdisziplinär austauschen zu können. Grundsätzlich hat mich die Neugierde und die Bereitschaft, mit einem jungen Gastwissenschaftler zu kooperieren, beeindruckt. Ich bin mit einigen Ideen für neue Kooperationsansätze nach Hause gekommen. Hierfür bin ich dem Fachnetz SGN² sehr dankbar, ohne das diese Kooperation nicht zustande gekommen wäre. Außerdem hat mir der intensive Kontakt vor Ort ermöglicht, potentielle Doktoranden für die Universität Marburg zu gewinnen. So werden diesen Monat je ein Doktorand und Master-Student vom Harbin Institute of Technology unserer Forschungsgruppe in Marburg beitreten. Was sich auch bestätigt hat: Solange man zusammen nachhaltige Konzepte für gemeinsame Forschungs- und Kooperationsprojekte entwickelt, sehen die Chancen für eine solide und finanziell gesicherte Kooperation mit führenden Forschungsinstitutionen wie dem HIT gut aus. Dank der großzügigen Finanzierungsmöglichkeiten der chinesischen Spitzeninstitutionen können deutsche Forschungsinstitutionen ohne großen finanziellen Aufwand Nachwuchstalente aus China anlocken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Lesen Sie das Interview mit Frau Jiaojiao Hou

Frau Jiaojiao Hou, Sie haben Ihr Bachelor- und Master-Studium an der School of Medicine der Tongji Universität absolviert. Dort promovieren Sie gerade zum Thema “fMRI study of facial emotional recognition in ultra high risk psychosis”. Im Mai 2019 haben Sie an einer einmonatigen Methodenschulung sowie an einem Work Shadowing in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg teilgenommen.

Was hat Sie motiviert, an der Methodenschulung der Philipps-Universität Marburg teilzunehmen?

Mein erster Kontakt mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg war bereits im August letzten Jahres, als ich an einem kurzen klinischen Austausch teilgenommen hatte. Dabei hatte ich zwei Nachwuchsforscher der Uni Marburg kennengelernt, die mich in das Thema „facial emotional recognition“ eingeführt haben. Das hat mich sofort interessiert. Daraufhin habe ich mich darum bemüht, zur weiteren Methodenschulung und zum klinischen Training nach Marburg zu kommen. Marburg verfügt über führende Forscherinnen und Forscher auf dem Gebiet von fMRI. Ich möchte mich u.a. im Bereich der Psychophysiological Interactions (PPI) weiterbilden. Der fachliche Austausch mit den Professorinnen und Professoren sowie Nachwuchsforscherinnen und -forschern zeigt mir, dass wir viele gemeinsame Interessen haben.

Sie konnten in Marburg an der Durchführung eines Experiments mitarbeiten. Welche Aspekte waren hier neu für Sie?

Zunächst einmal war es neu für mich, dass der Antrag für das Experiment hier in Marburg viel detaillierter ausfällt als bei uns. Dies hat natürlich den Vorteil, dass später weniger Raum für Ambiguitäten gegeben ist, sollten mehrere Leute an dem Experiment arbeiten. Außerdem fiel mir auf, dass es hier mehr fachübergreifende Zusammenarbeit unter Professorinnen und Professoren gibt. Im Bereich der fMRI-Studien, vor allem wenn sie Psychotherapie involvieren, benötigt man die Mitarbeit von Expertinnen und Experten aus der Psychiatrie und der Psychologie. Außerdem ist man auf die Mitarbeit von Technikerinnen und Technikern und vieler Master-Studierenden und nicht zuletzt natürlich der Teilnehmenden angewiesen. Zusammenarbeit spielt eine ganz zentrale Rolle.

Worin lag der Nutzen Ihrer Teilnahme an dieser Methodenschulung?

Für mich persönlich lag der größte Nutzen darin, dass ich viel auf dem Gebiet des Datenprogrammierens und der Datenanalyse gelernt habe. Dies ermöglicht mir nun, verschiedene Methodenansätze zu verfolgen. Das wiederum gibt mir mehr Flexibilität in meiner Forschung. Die Software ist in einer englischen Version verfügbar, so dass Sprache kein Hindernis ist.

Darüber hinaus habe ich den fachlichen und persönlichen Austausch genossen. Ich habe im Rahmen des Fachnetzes sehr nette Kolleginnen und Kollegen, darunter auch Chinesinnen und Chinesen, kennengelernt, die mir nicht nur fachlich und sprachlich, sondern auch im Alltag in Deutschland geholfen haben. Für all das bin ich sehr dankbar.

Vielen Dank für das Gespräch.

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