Gedankenaustausch mit dem chinesischen Philosophen

Auf Einladung des Deutsch-Chinesischen Alumnifachnetzwerks „Das Gute Leben“ war der zurzeit originellste und einflussreichste Denker der chinesischen Gegenwartsphilosophie letzten November zu Gast am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin.

Anlass war der Launch seines in deutscher Übersetzung erscheinenden Buches „Alle unter einem Himmel – Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“ (Suhrkamp). Als Autor und Philosophieprofessor der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking stand Zhao Tingyang einem internationalen Expertenkreis Rede und Antwort und musste sich teils scharfen und kritischen Nachfragen stellen, zumal seine Kritik an der „westlichen“ Kultur immer auch unter dem Verdacht stand, eine verdeckte Propaganda zu sein.

In seinem 2016 erschienenen Werk „天下的当代性:世界秩序的实践与想象“ („Alle unter einem Himmel – Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“), widmet sich Zhao Tingyang unterschiedlichen Themen der politischen Philosophie, wie etwa politische Legitimität, Menschenrechte, die Möglichkeit stabiler Kooperation angesichts konkurrierender Wertesysteme oder der Begründung universeller Werte. Kennzeichnend für sein Werk ist, dass er eine politische Wende der Philosophie vertritt und in dieser modernen Zielsetzung immer wieder auf Grundkonzepte aus der chinesischen philosophischen Tradition zurückgreift. So auch in seinem aktuellen Buch, das mit Rückgriff auf die klassische Vorstellung tianxia (Alles-unter-dem-Himmel) das Modell einer alternativen globalen politischen Ordnung entwirft.

Interessant an diesem Buch ist, dass sich mit Zhao Tingyang ein chinesischer Denker explizit in einen der bedeutendsten philosophischen Gegenwartsdebatten einschaltet. Darin schlägt er einen Perspektivenwechsel vor, nach dem die globale Ordnung jenseits der Idee von Nationalstaaten als radikal integrierte Ganzheit zu betrachten ist. Im Unterschied zu den liberalen Leitprinzipien der westlichen globalen Ordnung wird in der chinesischen Tradition das Individuum nicht als selbstbestimmend und autonom, sondern von vornherein als ein „Beziehungswesen“ verstanden, das sich über die Verantwortung und Sorge definiert. Das chinesische Wort für „Ethik“ (lunli) bedeutet „Prinzipien zwischenmenschlicher Beziehungen“. Da jeder Mensch von Geburt an in einem Beziehungsgeflecht von Verantwortungen und Pflichten gegenüber der Gesellschaft steht, kann er – um Gerechtigkeit zu verwirklichen – auch nicht mit einem „Schleier des Nichtwissens“ (John Rawls) versehen sein und diese Beziehungen außer Acht zu lassen. Dem chinesischen Philosophen und Vertreter des „Neuen Konfuzianismus“ Tu Weiming (Harvard) zufolge steht das Individuum in der Mitte von konzentrischen, teilweise sich überschneidenden Beziehungskreisen. Diese beginnen mit der Familie, erweitern sich zu den Älteren und Jüngeren im Arbeitsleben, zu den Freunden, der Gemeinde, dem Staat und schließlich bis zum Universum.  Die Regeln dieser Beziehungen sind daher auch in erster Linie keine Gesetze, sondern (beziehungsorientierte) ethische Normen und Rituale, die zivilgesellschaftlich relevant sind, sich bewährt haben müssen und situativ abhängig sind, indem sich in ihnen Sorge, Güte, Mitmenschlichkeit, Wertschätzung und soziale Harmonie ausdrücken. Das universalistische Postulat der konfuzianischen Ethik hat keine Grenzen; es lautet, „sich die Sorge um alles unter dem Himmel zur Aufgabe zu machen“ (yi tianxia wei ji ren / Fan Zhongyan, Song-Zeit). Ihr Ziel ist nicht die (universalistische) Einheit, sondern die Ganzheit der Welt.

In welcher Beziehung stehen diese völlig unterschiedlichen Systeme zueinander? Schließen sie sich aus? Ergänzen sie sich? Konkurrieren sie miteinander? Zhao Tingyang musste sich auf dem Symposium teils scharfen und kritischen Nachfragen stellen, wie die unterschiedlichen Systeme miteinander kooperieren können, wie im Zeitalter der Globalisierung ein chinesisches Menschenrechtssystem realisierbar ist oder welche Legitimationsprobleme durch ein „Mandat des Himmels“ aufgeworfen werden. Die Diskutanten nahmen keine Rücksicht, aber sie honorierten auch, dass hier ein gebildeter Philosoph sprach, der klug argumentierte und in der politischen Philosophie des Westens sehr belesen ist. Die Form der Auseinandersetzung blieb höflich und distanziert, war aber gerade dadurch auch sehr erfolgreich, um Einblicke in die tiefen Differenzen unserer verschiedenen kulturellen Hemisphären zu vermitteln.

Im nächsten Diskussionsforum wird Prof. Wang Hui von der Tsinghua University zu Gast am Institut für Philosophie der FU Berlin sein. Er ist einer der wichtigsten kritischen Intellektuellen der Neuen Linken.

Rezensionen zum Launch der Suhrkamp-Übersetzung

WDR3 (Katharina Borchardt)

zudem in: ZEIT Literatur (Nr. 12/2020) und in: Der Spiegel (14.02.2020)

Presseberichte zur Buchvorstellung an der FU Berlin

Deutschlandradio (Autor: Tobias Wenzel)

Tagesspiegel (Nr. 24001 v. 10.11.2019 (S. 28))