Die Corona-Pandemie hat die globalen Lieferketten schlagartig getroffen und teilweise zum Erliegen gebracht. Die Nachfrage ist in vielen Branchen stark eingebrochen, Lieferzeiten haben sich deutlich verlängert, sind teilweise unkalkulierbar geworden und wichtige Supply-Chain-Partner sind plötzlich (vorübergehend) weggebrochen. Insbesondere für die internationale Zusammenarbeit ist die Corona-Krise eine riesige Herausforderung.

Der Einkaufsmanagerindex (EMI), der Veränderungen der Industrieproduktion hinsichtlich der Indikatoren Produktion, Auftragseingang, Beschäftigung, Lieferzeiten und Lagerbestand darstellt, ist in Deutschland im März 2020 auf den niedrigsten Wert (34,5 Punkte) seit 2009 gefallen. Auch in China ist der Index bereits im Februar auf 35,7 Punkte abgestürzt.

Das verarbeitende Gewerbe und die entsprechenden Supply Chains werden die Auswirkungen wie Lieferverzögerungen, Preiserhöhungen oder Insolvenzen von Supply-Chain-Partnern noch lange spüren. Die Herausforderungen, die sich hieraus ergeben, sind groß, bieten jedoch auch Chancen zur Neugestaltung von Prozessen und Lieferketten. Nach dem populären chinesischen Sprichwort „Unglück kann sich in Glück verwandeln (塞翁失马焉知非福)“ sollte versucht werden, die Corona-Krise auch aus einem optimistischen Blickwinkel zu sehen.

ALUROUT, das Alumni-Fachnetzwerk im Fachbereich Logistik hat sich darauf konzentriert, drei optimistische Perspektiven und Chancen für die Weiterentwicklung von Unternehmen und globalen Lieferketten abzuleiten:

Es ist die richtige Zeit, Digitalisierung durchzusetzen

Digitalisierung sollte kein neuer Begriff mehr für Industrieunternehmen sein. Dennoch lässt die Digitalisierungsbereitschaft und -umsetzung oft noch zu wünschen übrig. Laut einer Umfrage der Bitkom (Digitalverband) geben sich deutsche Unternehmen aktuell im Durchschnitt die Note „befriedigend“ in Bezug auf ihren eigenen Digitalisierungsstand. Gerade durch die Corona-Krise könnte die Digitalisierung einen großen Schub bekommen. In China hat die Digitalisierung einen extrem hohen Stellenwert und wird vor allem mit der staatlichen Strategie zu „neuen Infrastruktur-Projekten“ in Bereichen wie 5G-Netze, Internet of Things und künstliche Intelligenz aktiv vorangetrieben. China hat kürzlich bekannt gegeben, verstärkt auch Maßnahmen zur digitalen Transformation kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) zu fördern. Die Digitalisierung muss sowohl in China als auch in Deutschland ein integraler Bestandteil der Zukunft sein, um die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Die aktuelle Situation verdeutlicht die Notwendigkeit von Digitalisierungskonzepten und -lösungen und bietet die Möglichkeit, diese aktiv anzugehen. Die Corona-Krise wird nicht umsonst häufig als „Weckruf für die Digitalisierung“ bezeichnet.

Es ist die richtige Zeit, sich auf zukünftige Risiken vorzubereiten

Auf die Gefahr von Pandemien wurde in den vergangenen Jahren vereinzelt hingewiesen, wirklich gerechnet hat mit der aktuellen Situation jedoch niemand. Laut einer Umfrage des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) berücksichtigten lediglich 22 Prozent der befragten Unternehmen ein Pandemie-Szenario in ihren Risikomanagement-Aktivitäten und nur die Hälfte hiervon entwickelten entsprechende Maßnahmenpläne. Die Industrie und die globalen Versorgungsketten beginnen sich nun langsam zu erholen. Aber inwieweit bereiten sich die Betroffenen darauf vor, bei der nächsten ähnlichen flächendenkenden Krise proaktiv zu reagieren? Die Corona-Pandemie zeigt die dringende Notwendigkeit eines zuverlässigen und pro-aktiven Supply Chain Risikomanagements, mit dem Risiken identifiziert, analysiert und bewertet werden können. Um ähnliche Krisen in Zukunft effizienter managen zu können, ist es zwingend notwendig, die Versorgungsketten und Wertschöpfungsnetzwerke resilienter zu machen und eine durchgängige Transparenz (in Echtzeit) zu schaffen. Die (digitalen) Technologien hierfür stehen größtenteils schon bereit.

Es ist die richtige Zeit, internationale Kooperationen aufrechtzuerhalten

Internationale Kommunikation und Kooperation sind in der aktuellen Situation wichtiger denn je. Nur durch eine enge Abstimmung mit Akteuren in der Lieferkette kann der erneute Wertschöpfungsanlauf erfolgreich und effizient bewältigt werden. Gerade Deutschland und China verbindet eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die deutsch-chinesische Kooperation wird daher wichtiger denn je. Die Corona-Pandemie hat durch Reisebeschränkungen zwar eine enge Abstimmung deutlich erschwert, bietet gleichzeitig aber auch neue Blickwinkel. Die Kommunikation über Online-Dienste boomt derzeit mehr denn je. Dadurch bietet sich die Chance, die deutsch-chinesische Zusammenarbeit sowohl in der Wirtschaft als auch in der Forschung weiter zu intensivieren.